Schon beim ersten Treffen mit den Schüler*innen war klar; dieses Projekt wird anders sein als gewohnt. Die 10 Jungen und 12 Mädchen der Klasse 5 g meiner Mittelschule, die an dem Projekt teilnahmen, saßen Corona regelkonform weit auseinander und trugen Mund- und Nasenschutz. Ich erzählte den Kindern das ich Bücher schreibe und hatte ihnen mein Kinderbuch „Lisa und Egon – Ein Nilpferd tanzt den Nussknacker aus Zooenzuckerland“ mitgebracht. Meine Idee, ein Kinderbuch zu schreiben, wo man den Text in Bewegung umsetzen kann fanden alle sehr spannend. Sie wollten unbedingt das Buch in die Hand nehmen, reinschmökern und sich die Illustrationen ansehen. Normalerweise lasse ich als Motivation für das Kreative Schreiben meine Kinderbücher das Projekt über im Klassenzimmer, sodass die Kinder die Möglichkeit haben sie sich auszuleihen, und zu lesen. Aber leider ging das durch die Corona Maßnahmen dieses Mal nicht, sodass das Interesse der Schüler*innen an dem Thema Buch, Bücher schreiben schwer, bis gar nicht aufrecht zu erhalten war und das anfängliche Feuer gleich wieder erlosch.

Nicht nur die Distanz im Klassenzimmer, die Teamarbeit fast unmöglich machte beförderte diesen Prozess und erschwerte die kreative Arbeit, sondern auch, dass die Klasse nicht in das Projekt und das Kreative Schreiben richtig rein finden konnten. Obwohl anfänglich noch im Präsenzunterricht, konnte gleich nach den ersten zwei Stunden die Klassenleitung durch die Corona Bestimmungen nicht mehr am Projekt teilnehmen. Die Vertretung blieb auch Corona bedingt nur zwei Wochen, sodass wir nach vier Wochen uns selbst überlassen waren. Eine sehr schwierige Situation für eine Klasse, die gerade in eine weiterführende Schule gewechselt hat und versucht, dort neu zu starten. Ohne Klassenleitung, ohne einen geregelten Ablauf hatten es die Schüler*innen der 5 Klasse schwer in der neuen Schule anzukommen. Niemand war für sie zuständig da die Schule 30% ihres Personals Corona bedingt nicht mehr beschäftigen durfte und es keinen personellen Ausgleich gab, um die fehlenden Lehrkräfte zu ersetzen. Bei einer Doppelstunde pro Woche war das als Projektleitung nicht aufzufangen und die Themen der Schüler*innen waren zunächst geprägt von, wer kommt in der nächsten Stunde, oder wer kann mir sagen was …. Zunächst sah ich mich plötzlich in der Rolle der Lehrkraft wieder und weniger als Autorin und Vermittlerin von Kreativem Schreiben. Die neue Rolle und auch die Tatsache, dass die Schüler*innen mich gar nicht kannten machten es schwer ins Kreative Schreiben rein zu finden. Ein Ziel musste gefunden werden.

Auch wenn die Idee, aus allen kreativ erarbeiteten Texten eine gedruckte Mappe zu gestalten helle Begeisterung auslöste, blieb das Thema und der Alltag durch Corona omnipräsent.

Als Autor*innen der Mappe sollten die Kinder über sich etwas schreiben. Interessant war, dass fast alle Schüler*innen in Ihrer Personenbeschreibung schrieben, dass sie eine Maske tragen. Die Maske bekam auch ein Gesicht und wurde detailliert beschrieben, ob mit Muster, oder Bild, oder ganz normal einfarbig. In der Beschreibung spiegelte sich aber auch ihr Gemütszustand wieder, das Corona sie nicht nur einschränkte in allem was sie nicht machen können, sondern es machte ihnen auch wirklich Angst. Bei all dem Frust über Corona hofften sie, dass die Großeltern, die Familie von der Krankheit verschont bleibt. Zum Teil sehr berührende Beschreibungen in denen es in erster Linie um innere Werte ging, um die Familie und weniger um Sachwerte und Äußerlichkeiten.

Leider blieb auch uns nicht allzu viel Zeit miteinander. Wir hatten gerade eine Figurenbeschreibung fertig geschrieben, über Herbie, einem Strauß, und eine Bildergeschichte in Form eines Comics verfasst, wie er aus Afrika nach Deutschland gekommen ist, als wir nur nach wenigen Wochen im Shutdown waren.

Gerade in dem Moment, als wir uns kennen gelernt hatten und ich in meiner Doppelfunktion als Lehrkraft und Projektleiterin angekommen war brach der persönliche Kontakt plötzlich ab. Ich konnte zwar über einen Schulmanager mit den Kindern kommunizieren und Arbeitsaufträge einstellen, die von den Schüler*innen bearbeitet werden konnten, aber leider konnte ich nur ein Drittel der Schüler*innen darüber erreichen. Das lag an unterschiedlichen Faktoren wie sich im Laufe des Distanzunterrichtes herausstellte.

Zum einen lag es daran, dass die Schüler*innen insgesamt sehr unterschiedlich vom Leistungsniveau waren. Nicht alle konnten sich die kreativen Schreibaufgaben ohne Hilfe erschließen. Zum anderen lag es aber auch daran, dass die technische Ausstattung der Schüler*innen und auch die Kenntnisse diese zu bedienten fehlten. Ging es mir doch ähnlich bei der Erarbeitung der neuen Programme. Ein kurzes Tutorial und ansonsten, learning by doing! Nicht alle konnten das für sich gleichermaßen umsetzen.

In den Briefen der Kinder an mich, wie es Ihnen zuhause ergangen ist und wie ihr Alltag aussah, bekam ich zum Teil seitenweise Berichte mit Zeitangaben, wann aufgestanden und gefrühstückt wurde und …  Aber die Kinder schrieben auch von ihrer Sorge, dass sie zu viel in der Schule verpassen könnten und ihre Freunde vermissten, da es sau langweilig zuhause war. Da wussten wir noch nicht wie lange sich die Zeit im Shutdown hinziehen sollte. Nach drei Monaten über den Schulmanager konnten wir uns zumindest endlich über das Portal Jitsi Meet wiedersehen. Es ist doch etwas anders sich persönlich zu sehen, oder über ein Portal, zumal die meisten Schüler*innen ihre Kamera ausgeschaltet hatten, oder gar kein Gerät mit einer Kamera besaßen. Die Kinder hatten auch schnell raus, dass man sich super gegenseitig rausschmeißen konnte aus dem Portal. Ich blieb davon auch nicht verschont und flog ebenfalls regelmäßig raus, oder wurde stumm geschaltet. Wie auch in der Schule mussten neue Regeln her, was sich nach ein paar Stunden eingespielt hatte.

Im Laufe meiner mehrmonatigen Arbeit mit den Schüler*innen über Jitsi Meet wurde mir auch klar, dass der Distanzunterricht die Lebensrealität der Eltern berücksichtigen muss, was er nicht kann. So konnte ein Schüler nur bis neun Uhr dem digitalen Unterricht beiwohnen, da die Mutter um 10.00 Uhr bei der Arbeit sein musste und ihr Handy dazu brauchte, auf dem der Sohn den Schulunterricht verfolgte. Oder eine Schülerin vom Auto aus mit dem Smartphone ihrer Mutter am Unterricht teilnahm, weil sie im Auto wartete, bis ihre Mutter von der Kundin zurückkam. Oder ältere Kinder die Aufgabe hatten, jüngeren Geschwister zu beaufsichtigen, wenn die Eltern bei der Arbeit waren. Oder… Oder …

Und nicht alle Schüler*innen werden gleichermaßen aktiv von ihren Eltern unterstützt, indem gemeinsam gelernt wird, oder die Hausaufgaben kontrolliert werden.

Aber kann man das bei einer Ganztagschule von den Familien fordern? Wenn oft in jeglicher Hinsicht die Voraussetzungen fehlen? Von daher ist auch nachvollziehbar, dass Schüler*innen während eines Shutdowns im Distanzunterricht schulisch verloren gehen und in der Zeit kaum beschult werden können. Man kann auch schwer erwarten, dass die Eltern ihren Alltag grundsätzlich ändern können, wenn von heute auf morgen die Schule nicht mehr das leistet was sie leisten soll. Die Kinder zu unterrichten.

Zumal in der Mittschule vorzugsweise Kinder von Eltern sind, die meist beruflich gesehen nicht im Homeoffice arbeiten können. Und selbst wenn die technischen Voraussetzungen gegeben sind, mangelt es manchmal am Verständnis, manchmal auch an den Sprachkenntnissen der Eltern und Kinder. Und nicht alle Kinder wollen oder können mit ihren Eltern lernen. Aus sprachlichen oder anderen Gründen.

Von daher war es mehr als gut würden meine Schüler*innen sagen, dass wir nach Monaten wieder in die Schule gehen konnten. Auch wenn das bedeutete, dass wir die erste Schulstunde für den Corona Test brauchten, konnten wir doch endlich wieder in den Computerraum. Die Kinder hatten Herbies Fragen über Deutschland und andere ferne Länder, die sie im Shutdown als Hausaufgabe recherchiert und aufgeschrieben haben digitalisiert und verfassten im Anschluss daran noch eine Geschichte, wohin sie mit Herbie reisen möchten. Natürlich war es eine Abenteuerreise in der eine Wunderlampe gefunden wurde, die drei Wünsche erfüllt. Ein Schüler schrieb, dass er sich wünscht, dass seine Familie immer gesund und glücklich bleibt, kein Tier mehr gequält wird und er gute Noten schreibt. Und ein anderer Schüler schrieb als ersten Wunsch, dass Corona endlich verschwindet. Da waren wir uns alle einig, dass Corona endlich verschwinden soll!

Denn ich sage es ganz ehrlich. In meinem Mittelschulprojekt sind zwei Drittel meiner Schüler*innen dieses Schuljahr kaum beschult worden.

Für uns war es ein schöner Abschluss, denn allen Widrigkeiten zum Trotz konnten wir unsere Mappe, die wir zu Beginn des Projektes beschlossen hatten fertig stellen und als Erinnerung in Händen halten.